Bitten

„Ich habe immer alles im Griff, da brauche ich keinen.“ Wer so behauptet, ohne jede Hilfe einfach nur cool alles selbst managen zu können, für den ist um Hilfe bitten gleichbedeutend mit versagen. Demnach ist jeder, der bittet, ein Versager!

Wer bittet, stellt fest: Ich habe nicht alles im Griff, weil mir Möglichkeiten fehlen. Wer bittet, der gesteht ein: Ich brauche dich, hilf mir, dir ist möglich, was ich nicht kann.

Wer bittet, der begibt sich – sein Anliegen betreffend – in eine existenzielle Abhängigkeit zu einem anderen Menschen.
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Der Bittende öffnet sich und zeigt seine schwächere Seite, was ihn verletzbar sein lässt. Aber er hofft genau jetzt nicht ausgelacht oder abserviert zu werden, sondern in dem Gegenüber eine Ergänzung zu finden, mit dessen Hilfe er weiterkommt, sprich die Erfüllung der Bitte erfährt.

Keine Bitte aber geht automatisch einher mit deren Erfüllung. Der Gebetene gibt das Erbetene dem Bittenden, wenn er das kann und will.

Jede Bitte stellt den Gebetenen somit vor die Frage, ob er das Erbetene loslassen will. Die Antwort darauf entscheidet über das Schicksal jeder Bitte. Der Gebetene hat Macht, weil der Bittende ohnmächtig ist.

Also dann doch, wer bittet, ist ein Versager. Ja, aber nicht im gängigen negativen Sinn, sondern, weil uns etwas versagt ist, uns nicht alles aus eigener Kraft möglich ist, sind wir „Versager“, die in der Bitte, an einen Menschen oder Gott gerichtet, hoffen, dass etwas zu-gesagt, zu-gegeben, hin-gegeben wird, also etwas nicht versagt bleibt.

Da, wo wir uns auch als bittende Menschen wieder erkennen, nehmen wir dem Wort „Versager“ das Urteil und legen so eine Wahrheit in dieses Wort hinein: Bitten kann nur, wer aufrecht geht und hofft.

Christoph Stender