Pfarrer sein dagegen sehr …

In vier Beiträgen möchte ich Ihnen die Arbeit des Pfarrers in der heutigen Zeit näher bringen und vorstellen.
In den vergangenen 30 Jahren haben sich der Pfarrberuf, seine Anforderungen, aber auch die Erwartungen an ihn deutlich gewandelt.

Pfarrer und Pfarrerinnen sind heute mehr denn je gefragt und beansprucht als gut ausgebildete Seelsorger, Leiter(innen) mit Führungsqualitäten, mit ausgebildeten Management- und Wirtschafterkenntnissen und in den Kommunikationstechniken und – ebenen.  Geblieben ist eine gründliche theoretische Ausbildung in den Bereichen Neues Testament, Altes Testament, Systematische Theologie, Ethik, Kirchengeschichte, Religionswissenschaft, z.T. Ökumene und Praktischer Theologie. Das Studium umfasst mindestens 12 Semester, wegen der drei Schriftsprachen Hebräisch, Griechisch und Latein ist die Ausbildungszeit oft länger. Bekommt ein Kandidat einen Ausbildungsplatz, folgt eine 2 ½ bis 3- Jährige Vikariatszeit in einer Gemeinde, im Predigerseminar, an der Schule und in speziellen Bereichen.   Dadurch sind Pfarrerinnen und Pfarrer (Zivildienst oder Bundeswehrzeit kommt hinzu) meist schon über 30, wenn sie ihr Berufsleben beginnen – nicht unbedingt günstig, wenn man auf die Jugendarbeit schaut. In unserer Landeskirche tragen die Geistlichen die Bezeichnung „Pfarrer“ oder „Pfarrerin“, in anderen sind es „Pastor“ oder „Pastorin“. Es meint aber denselben Beruf. Pfarrer war früher der Inhaber einer Pfarrei bzw. Pfarre, die ihren Pfarrer wirtschaftlich zu ernähren hatte. Pfarrhaus, Pfarrland und Abgaben wie die Martinsgans an den Pfarrer gehörten dazu. Pastor heißt übersetzt „Hirte“ und hat sich in den lutherischen Kirchen durchgesetzt. Pfarrerinnen gibt es in Deutschland erst seit Beginn der 70er Jahre. In manchen Evangelischen Freikirchen auf der Welt fehlen sie bis heute. Seit den 80er Jahren gibt es auch ordinierte Gemeindepädagogen und - Pädagoginnen in der Evang. Kirche Berlin- Brandenburg.

1. Verkündigung

Pfarrerinnen und Pfarrer werden intensiv auf die Arbeit mit der Bibel und die Auslegung der alten Texte vorbereitet. In der Gemeinde geschieht die Verkündigung vor allem im Gottesdienst. Dieser wird inzwischen nur noch von wenigen Menschen besucht. Dennoch wird meist eine Predigt für jeden Sonntag gründlich vorbereitet- sie soll eine Brücke bauen zwischen der Welt des Bibeltextes, der Bedeutung damals und heute. Manches wirkt verständlich, anderes fremd oder sogar ärgerlich für die Hörer. Mündige Gottesdienstbesucher können sich mit Lob und Kritik aber immer äußern, Pfarrerinnen und Pfarrer bekommen oft wenig Echo, „Feedback“ über die geleistete Arbeit- eigentlich schade. Auch die Feier der Sakramente der Kirche sind sehr wichtig: Taufe und Abendmahl haben ihren Platz mitten im Gottesdienst und werden gründlich vorbereitet, oft gestalten Älteste und Lektoren die Sakramentsfeiern mit.

Neben den Gottesdiensten haben sich andere Formen gebildet oder erhalten: Wochenandachten, Freizeiten mit Jugendlichen und Konfirmanden, Gemeindeabende und –seminare zu kirchlichen, gemeindlichen oder biblischen Themen gehören dazu, aber auch Bibelgesprächskreise und auch Butterstullensalons“, in denen Predigttexte der kommenden Woche besprochen werden (siehe auch 3. - Gemeindepädagogik)

Gefragt sind Pfarrer und Pfarrerinnen natürlich auch bei Hochzeitsfeiern, die schön und feierlich zelebriert werden wollen und intensive Gespräche benötigen. Auch die Trauerfeier gehört zu den Verkündigungs- und Seelsorgeaufgaben eines Pfarrers. Die Begleitung von Menschen in tiefer Trauer ist eine der wichtigsten Aufgaben, die Pfarrerinnen und Pfarrer als Seelsorger und Notfallseelsorger übernehmen.

2. Seelsorge
Pfarrer sind in mancher Hinsicht eine ungewöhnliche Berufsgruppe: Sie werden nicht für die konkrete Dienstleistung bezahlt, die sie anbieten. Zu Pfarrern kann man mit seinen Sorgen und Nöten gehen- sie werden es einrichten, sich die nötige Zeit zu nehmen. Dabei sind Seelsorger Begleiter der Menschen, keine Therapeuten, und meist Mitarbeiter einer Kirchengemeinde oder im Krankenhaus angestellt.
Pfarrer lernen in ihrer Ausbildung, Gespräche mit Menschen zu führen, Probleme und Grenzen ihrer Tätigkeit zu erkennen und ggf. Rat zu geben. Nicht immer passt es, "die Bibel ins Gespräch zu bringen", aber auch dies gehört zu ihrem Handwerk. Oft ist das Zuhören einfach wichtig, doch das will gelernt sein!

Viele Pfarrerinnen und Pfarrer nehmen an Seelsorgekursen teil, um so ihre Fähigkeiten zu bilden, zu überprüfen und zu verbessern, denn wie immer gilt: Man lernt ein ganzes Leben lang. Eines ist ganz wichtig für den, der zum Pfarrer/zur Pfarrerin kommt: Alles, was in einem Seelsorgegespräch gesagt und anvertraut wird, bleibt beim Pfarrer wie im Tresor. Das Beichtgeheimnis wird auch in der Evang. Kirche streng gewahrt. Die Anlässe für Seelsorge sehr unterschiedlich: Oft gehen die Leute mit einem Anliegen zum Pfarrer. Ebenso ergibt sich manches Seelsorgegespräch bei Geburtstags- und Krankenbesuchen, die Pfarrer je nach Fülle ihres Kalenders machen. In vielen Gemeinden unterstützt den Pfarrer dabei eine Besuchsgruppe von ehrenamtlichen Mitarbeitern.
Die Begleitung Trauernder ist ebenfalls wichtig. Man sollte den Mut haben, seine Pfarrerin, seinen Pfarrer ggf. auch anzusprechen. Ein besonderes Feld bildet auch die Notfallseelsorge, an deren Dienst sich viele Pfarrer beteiligen. Dabei kann es sein, dass der Einsatz um 23 oder 4 Uhr morgens ist. Oft müssen Trauernde in den ersten Stunden begleitet werden, die gerade einen Menschen verloren haben. Schließlich: Das persönliche Gespräch um Schuld kann in einer Beichte münden. Auf die Reue hin gibt ein Pfarrer die Absolution (Vergebung von Sünden) in Christi Namen. Dies wird oft nur wenig genutzt und ist doch für die eigene Seele oft so wichtig.

3. Gemeindepädagogik und Religionspädagogik
Etliche Arbeitsbereiche des Pfarrers/ der Pfarrerin basieren auf den Aufgaben, die die urchristlichen Gemeinden der ersten Generationen geeigneten Mitgliedern übertrugen. Dazu gehört auch der Unterricht, die „christliche Unterweisung“. Schon seit einigen Jahrhunderten sind Pfarrer auch als Religionslehrer tätig. Seit einigen Jahren ist es in der EKBO wieder Kirchengesetz: Pfarrer haben mindestens zwei Stunden/ Woche Religionsunterricht an Schulen zu leisten. Mit Vorbereitung und Fahrzeiten kommen leicht 5 Stunden zusammen. So sind viele Pfarrer nicht mehr vollständig im gemeindlichen Einsatz, was durch übergemeindliche Aufgaben ohnehin kaum möglich ist.
Der klassische Unterricht in der Gemeinde ist die Unterweisung in den Lehren der Kirche und des christlichen Glaubens. Pfarrer, Gemeindepädagogen und Katechetinnen versehen diese Aufgaben oft. Dabei ist es sehr wichtig, pädagogische Aufgaben didaktisch und methodisch umzusetzen, so dass die Themen für Heranwachsende und Jugendliche ansprechend werden. Zensuren gibt es schon lange nicht mehr, moderne Medien haben ebenso ihren Platz wie kreative Gestaltungsmethoden. Ebenso gehört die Gestaltung ganzer Konfirmandenwochenenden oder –wochen in diesen Aufgabenbereich. Dabei arbeiten heute oft Pfarrerinnen, Gemeinde-pädagoginnen und Pfarrer aus mehreren Gemeinden zusammen, um bei abnehmenden Konfirmanden- zahlen größere Gruppen auszubilden. In der Region Marzahn wurde so aus zwei Kirchengemeinden e i n Arbeitsbereich der Konfirmandenarbeit (2005) und Jugendarbeit (2009) gebildet.
In vielen Gemeinden werden ehrenamtlich wirkende Jugendliche, sog. „Teamer“ ausgebildet und ermutigt, die Konfirmandenarbeit mit zu gestalten. Gehören ein oder mehrere Kindergärten zur Kirchengemeinde, so erstreckt sich die pädagogische Verantwortung der Pfarrerinnen und Pfarrer bis hin zu den kleinen Kindern: Morgenkreis, Kinderkirche und spezielle Angebote für Eltern gehören hier zu den Aufgaben der Pfarrer und Erzieherinnen. So haben wir in Marzahn alle 14 Tage mit der „Kinderkirche“ ein Angebot für Kinder ab etwa 3 Jahren, während Erzieherinnen eigenverantwortlich den täglichen Morgenkreis gestalten.
Aber auch die Erwachsenen sollen nicht zu kurz kommen: Für interessierte Gemeindeglieder bieten Pfarrerinnen und Pfarrer Seminare und Gemeindeveranstaltungen an, in denen sie mehr über kirchliche Themen, biblische und theologische Fragen und Probleme erfahren; sie kommen in Hauskreise oder leiten Gesprächskreise und Bibeltreffs.
Für die Vielen, die keinen Konfirmandenunterricht hatten bzw. aus Russland oder Kasachstan nach Deutschland kamen, sind Kirchenkurse –zwischen vier und zwölfmalige Treffen zu Themen des christlichen Glaubens- eine Voraussetzung zur Taufe, Patenschaft oder Trauung in der Kirche.
In Marzahn werden z.B. jährlich zwei solcher Kurse – im Frühjahr und Herbst – angeboten, manchmal mehr. Jede Gemeinde und jeder Pfarrer kann dies unterschiedlich gestalten, mitunter gibt es sogar Einzelunterricht. Dabei gibt es in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) auch verschiedene fertige Unterrichtsmodelle, die je nach örtlicher Situation anwendbar sind. Eine wichtige Aufgabe ist und bleibt dies, denn eine christliche Erziehung der Kinder findet immer zuerst über die Eltern statt und dies scheint immer weniger Praxis in den Haushalten zu werden.

4. Verkündigung, Seelsorge, Religions- und Gemeindepädagogik + leitende Aufgaben eines Pfarrers

Gemäß der Grundordnung unserer Kirche und dem Pfarrdienstgesetz der Unierten Kirchen sind Pfarrerinnen und Pfarrer als Inhaber einer Pfarrstelle aktiv an der Leitung ihrer Gemeinden beteiligt- sie sind Vorsitzende oder stellvertretende Vorsitzende der Gemeindekirchenräte (Presbyterien), bereiten Tagungen mit vor und sind vielfach auch bemüht, ehrenamtliche Mitarbeiter anzuleiten und zur Mitarbeit zu motivieren.

Oft nehmen Pfarrerinnen und Pfarrer auch im Kirchenkreis in den Ausschüssen verantwortliche Aufgaben wahr- so als Mitarbeiter, oft auch Vorsitzende der Kreissynodalen Ausschüsse wie "Diakonischer Ausschuss (Pfr. Fechner, Pfr. Lockhoff), Theologischer Ausschuss (Pfrn. Lütke), Kita- Ausschuss (Pfrn. Graap, Pfr. Göbel, alle Angaben in Klammern: Kirchenkreis Lichtenberg- Oberspree) u.v.a. Pfr. Wittig aus der Evang. Kg Hellersdorf ist zugleich Stellvertreter der Superintendentin Forck.

Einige Pfarrerinnen und Pfarrer vertreten neben Laien die Kirchengemeinden und den Kirchenkreis auch im Kreiskirchenrat und der Landessynode, dem Landesparlament der EKBO.

Sehr wichtig war in den vergangenen Jahrzehnten die Vertretung der Gemeinden nach außen hin: Kontakte zur Kommune, zu Stadträten, Stadt- oder Landesparlament, Kiezgruppen und Bürgervertretungen wie der Initiativgruppe "Märkisches Angerdorf Alt- Marzahn", in der Pfr. Göbel mitwirkt. Diese Aufgaben steigen angesichts der Herausforderungen unserer Zeit oft rapide an. Ob die Kirchengemeinde an Festen mitwirkt, ob sie bei Feierlichkeiten in der Öffentlichkeit durch Pfarrer, Kindergarten und viele Helfer sichtbar wird, ist eine Frage des Selbstverständnisses der Evangelischen Kirche - gemäß dem Jesuswort "Ihr seid das Salz der Erde!" (Mt 5,13).

Seit etwa 40-50 Jahren nimmt die ökumenische Zusammenarbeit der Kirchengemeinden in Berlin und Brandenburg stark zu. Gemeinsame Veranstaltungen und Feiern, Gottesdienste, Gespräche und Treffen der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen sowie der Evangelischen Allianz gehören vielerorts wie auch in Marzahn, Biesdorf und Hellersdorf zu den Aktivitäten der Kirchengemeinden. Meist nehmen Pfarrer maßgeblich daran teil.

So wird auch die Gemeinschaft der Christen vor Ort gestärkt und die oft verbindenden Gemeinsamkeiten werden gepflegt.

Ihr Ingolf Göbel, Pfarrer

        

 





































































































       



 

 

 

 

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