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„Vom Rand in die Mitte …“

 Folge 12: Der geheilte Samariter

Im Lukasevangelium gibt es zwei Erzählungen, in denen ein Samariter als Vorbild dargestellt wird. Die eine ist die berühmte Geschichte vom barmherzigen Samariter, mit der Jesus deutlich macht, worin die Nächstenliebe besteht (vgl. Lk 10,29-37). In der Erzählung vom dankbaren Samariter (vgl. Lk 17,11-19) wird ersichtlich, wie ein Mensch wahre Gottesliebe zeigt. Am Beispiel von zwei Samaritern verdeutlicht das Evangelium so den Kern christlichen Lebens, das doppelte Liebesgebot. Für die ersten Hörer des Evangeliums war das eine ziemliche Provokation. Die Samariter galten als Häretiker. Sie waren Bewohner des ehemaligen Nordreiches, in dem nach der Eroberung durch die Assyrer (722 v. Chr.) auch Angehörige anderer Völker angesiedelt wurden. Es kam zu einer wachsenden Entfremdung zwischen den benachbarten Volksgruppen, die schließlich mit der Errichtung eines eigenen Tempels auf dem Berg Garizim zur faktischen Trennung führte. Zurzeit Jesu vermieden viele Juden den Kontakt mit den Samaritern und betraten nicht einmal ihr Gebiet, glaubten sie doch, sonst unrein zu werden.

Vincent van Gogh, Der barmherzige Samariter

 

Die Bibel

Bei den zehn Aussätzigen, von den Lukas erzählt (vgl. Lk 17,11-19), spielte die Feindschaft zwischen Juden und Samaritern keine Rolle mehr. Sie alle galten als unrein und waren von der Gemeinschaft ausgeschlossen, denn sie litten an Aussatz, der schlimmsten Krankheit jener Zeit. Wie es den Reinheitsvorschriften entsprach, hielten die zehn Aussätzigen Abstand zu Jesus und riefen ihn aus der Ferne um Hilfe an. Anders als bei anderen Kranken, heilte sie Jesus nicht durch körperliche Berührung, sondern schickte sie zu den Priestern. Diese hatten die Aufgabe, amtlich festzustellen, ob jemand vom Aussatz geheilt worden war. Die Kranken ließen sich auf Jesu Wort ein und machten sich auf den Weg. Zu den Priestern zu gehen war nur dann sinnvoll, wenn man geheilt war. Obwohl noch von der Krankheit befallen, trauten sie Jesu Wort und auf dem Weg geschah das, woran sie glaubten: Sie wurden von der Krankheit befreit, ein neues Leben wurde ihnen geschenkt. Nur einer von den zehn kehrte jedoch zu Jesus zurück, fiel vor ihm nieder und lobte Gott. Es war ausgerechnet ein Samariter. Jesus reagierte darauf verwundert und enttäuscht. Warum konnten die anderen nicht erkennen, dass Gott die Quelle ihres Heils war? Nur ein „Häretiker“ erkannte Gottes Wirken und antwortete darauf mit Lob und Dank. Er ist wirklich gerettet, denn er hat mehr als nur eine körperliche Heilung erfahren. Er erkannte, dass Gott zu ihm eine liebende Beziehung aufgenommen hat, er also ganz und gar nicht unrein war, weder durch sein Kranksein, noch durch seine Glaubenspraxis.

 

Ralf Huning SVD

 

 

Die Bibel – „Vom Rand in die Mitte …“ 

Folge 9: Die Sterndeuter aus dem Osten

Die „Heiligen drei Könige“ gehören zum festen Inventar jeder Weihnachtskrippe. In der Bibel finden wir jedoch keinen Hinweis darauf, dass die Fremden, die zu Jesus kamen, Könige waren. Wir erfahren weder ihre Anzahl noch ihre Namen. Der Evangelist Matthäus erzählt von „Magoi“ aus dem Osten, die einen außergewöhnlichen Stern beobachteten und ihn als Zeichen für die Geburt eines Königs deuteten (vgl. Mt 2,1-12). Das griechische Wort „Magoi“ (daher stammt unser Fremdwort „Magier“) bezeichnete zunächst eine sternkundige Priesterklasse, später ganz allgemein babylonische Astrologen. Für die Menschen der Antike galten Sterne als Mittel der göttlichen Führung. Viele erwarteten damals einen idealen Weltenherrscher, dessen Ankunft sich in den Sternen zeigte. 

Die Bibel - auf der Homepage der Dorfkirche Berlin Alt - Marzahn 

Matthäus zeichnet in den Sterndeutern ein Gegenbild zu den politischen und religiösen Führern des Gottesvolkes. Wie diese Fremden sagte auch der König Herodes, er wolle dem neugeborenen Königskind huldigen (vgl. Mt 2,3 und 2,8). Doch während die Sterndeuter dafür einen langen Weg und große Strapazen auf sich nahmen, blieb Herodes zu Hause und schickte Soldaten aus. Sie sollten alle Knaben im gleichen Alter umbringen, um den Konkurrenten auf jeden Fall zu beseitigen.

Die Hohenpriester und die Schriftgelehrten waren damals die religiösen Führer. Sie kannten zwar alle wichtigen Hinweise aus den Prophetenbüchern, kamen aber doch nicht zur Erkenntnis, weil sie sich nicht in Bewegung setzten. Die Sterndeuter schauten dagegen nach oben, sahen die Zeichen Gottes, machten sich auf den Weg und scheuten keine Mühe, um ihr Ziel zu erreichen. Sie erwarteten jedoch, den neuen König im Zentrum der Macht zu finden. Mit einem König im Stall hatte niemand gerechnet. Den verheißenen Weltenherrscher fanden sie nur, weil ihnen jemand die Hinweise aus der Bibel mitteilte. Anders als die Schriftgelehrten nahmen sie diese Hinweise ernst und erkannten in einem kleinen Kind armer Leute den König der Welt. Bibellektüre ist hilfreich und notwendig, sie allein aber reicht offensichtlich nicht, um Gottes Gegenwart zu erkennen!

Wegen der Dreizahl der Geschenke und deren hohen Wert wurden in der christlichen Tradition aus den Sterndeutern „drei Könige“. Das ist historisch gesehen sicher nicht richtig und doch steckt darin eine tiefe Wahrheit. Wer in Jesus den König aller Könige erkennt, erhält Anteil an seinem Königtum. Wer wie die Sterndeuter niemals aufhört zu fragen und sich trotz vieler Widerstände auf die Suche nach dem Heil der Welt macht, der findet das wahre „Königreich“, in dem es keine Untergebenen mehr gibt. Der Herrscher ist ein kleines Kind und seine Herrschaft ist Liebe und Gerechtigkeit. 

Ralf Huning SVD