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Einerseits klingt das furchtbar, andererseits sehr
tröstlich. Und Paulus hat ja Recht. Und er erlebt dieses Recht Gottes
sogar noch am eigenen Leib. Paulus ist kränkelnd sein Leben lang. Paulus
ist selten zufrieden mit seiner körperlichen Gestalt. Paulus erlebt sich
als geprüft. Und wenn er – was wir nicht so genau wissen – mit Gott
gezürnt hat, dann ist das Ergebnis doch immer das Gleiche: Er fügt sich
in sein Geschick. Genauer gesagt: Er anerkennt die Größe, die Macht und
den Willen Gottes. Und gibt damit ein Beispiel für das, was ich machen
kann. Ich kann Ja sagen zu Gottes Willen. Möglichst ohne Wenn und Aber.
Und werde dann wie Paulus erkennen, dass alles Tun Gottes an mir nichts
anderes ist als Erbarmen, hoffentlich.
Michael Becker
Bibelwort: Apostelgeschichte 16,9-15
Die drei Ordensschwestern bewohnten eine kleine
Wohnung in einem tristen Mietshaus im Arbeiterviertel der Stadt. Die
wichtigsten Zimmer waren die Küche und ein Stübchen, das als
Andachtsraum diente.
„Komm rein, schön, dass du da bist.“ Vielleicht
sagten sie das nicht jedes Mal, aber ihre Gesten drückten genau das aus
– egal, wer bei ihnen anklopfte. Jeder Gast wurde willkommen geheißen,
durfte, am Küchentisch sitzend, reden oder schweigen – die meisten waren
froh, endlich mal über das zu reden, was ihnen schwer auf der Seele lag.
Jeder durfte an den Andachten und Bibelgesprächen teilnehmen. Ich war
beeindruckt zu erleben, wie viele Menschen, die mit Kirche nur noch
wenig am Hut hatten, in Kontakt mit diesen Schwestern standen, die doch
fest in die Kirchengemeinde eingebunden waren. Gründe für das Vertrauen
der Leute zeigten sich schnell: die Schwestern arbeiteten bewusst im
sogenannten Niedriglohnbereich und kamen so mit einfachen Menschen ins
Gespräch. Sie waren allen Leuten gegenüber offen und unvoreingenommen,
nahmen die Lebens- und Glaubensnot ihrer Mitmenschen ernst. Sie drängten
sich nicht auf, doch wie sie ihren Glauben lebten, ganz unaufgeregt und
selbstverständlich, veranlasste manchen, nach ihrem Fundament zu fragen.
Vielleicht hatte Paulus so etwas im Sinn, als er aus
Philippi berichtete: Wir gingen hinaus, setzten uns und redeten mit den
Menschen, die dort zusammenkamen. Ich kenne Menschen, denen gut täte,
wenn ich mal zu ihnen „hinaus“ ginge.
Gundula Kühneweg
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Aber so rein ist das Leben leider nie. Man kann es so
sagen und so glauben, aber die Wirklichkeit der Welt ist überall
vielschichtiger. Es gibt Düsternisse, es gibt schreckliche Finsternis,
es gibt Traurigkeit und Wehklagen und eine nicht enden wollende Suche
nach etwas Licht und Wärme. Es gibt Menschen, die sind stumpf geworden
und haben jedes Hoffen verlernt. Wie lebe und glaube ich, wenn ich daran
denke?
Ich gebe nicht auf, sondern bekenne noch mutiger. Ich
singe noch inniger. Ich bitte noch kraftvoller. Es muss Gott doch
möglich sein, auch diese Finsternisse zu erhellen. Es muss Gott doch
möglich sein, auch dem Hoffnungslosen ein neues Licht scheinen zu
lassen. Also bitte, ja flehe ich darum. Und je mehr wir alle Gott
bitten, desto mehr entsteht durch uns die Erkenntnis der Herrlichkeit
Gottes. Die leuchtet dann auch denen, die im Dunkeln sind.
Michael Becker
Bibelwort: 2. Petrus 1,16-19(20-21)
„Wir
haben seine Herrlichkeit gesehen.“ Ein starkes Argument: Der Verfasser
des Petrusbriefes unterstreicht seine Glaubensverkündigung damit, dass
er Augenzeuge der Verklärung Jesu gewesen ist. Mit einem Haken: Petrus
kann nicht der Verfasser des zweiten Petrusbriefes sein, da dieser Brief
nach dem exegetischen Befund die jüngste Schrift des Neuen Testaments
ist und in der Mitte des zweiten Jahrhunderts verfasst wurde. Auch wenn
man der antiken Vorgehensweise Rechnung trägt, der eigenen Schrift den
Namen einer Autorität voranzustellen, um ihr größere Geltung zu
verschaffen, hinterlässt dies für unser modernes Verständnis einen
schalen Nachgeschmack: Hier schreibt einer vom Hörensagen. Oder?
Hier schreibt jemand, was er selbst erlebt hat. Nicht
die Verklärung Jesu auf dem Berg Tabor, doch die Herrlichkeit und die
Gottessohnschaft Jesu. Hier schreibt jemand von seinen
Glaubenserfahrungen – im Gebet, in der Gemeinschaft, im Gottesdienst.
Und damit ist uns der Verfasser des zweiten Petrusbriefes auch nach fast
zweitausend Jahren auf einmal ganz nahe. Denn wir können und dürfen Gott
in unserem Leben genauso erfahren wie er; und wir dürfen, ja wir sollen
davon auch sprechen. Wir können für unser Glaubenszeugnis nicht mehr die
Autorität des Petrus bemühen, doch deshalb ist es nicht weniger
wertvoll. Unsere Autorität ist unser Leben. Ob wir das, was wir glauben
und wovon wir reden auch leben oder es zumindest versuchen.
Michael Tillmann
Wenn die Zeit zerbricht
„Wir lassen alle Uhren zerschlagen, alle Kalender
verbieten und zählen die Stunden und Monden nur nach der Blumenuhr, nur
nach Blüte und Frucht.“ Mit dieser Idee endet das Lustspiel Leonce und
Lena von Georg Büchner. Wer möchte sich dem nicht anschließen: Was wäre
das Leben leicht und schön, gäbe es keine Uhren und Kalender mehr. Allzu
oft hat einen doch die Zeit so im Griff, dass man sich nicht frei fühlen
kann. Das geht schon los mit dem Weckerklingeln morgens, dann kommt die
genau gemessene Arbeitszeit, und selbst in der Freizeit geht es oft
genug nach der Uhr. Kalender und Uhren teilen die Lebenszeit ein, und so
engen sie oft genug das Leben ein. Wie schön wäre es: Wir lassen alle
Uhren zerschlagen und alle Kalender verbieten. Dann würde dem
Glücklichen keine Stunde mehr schlagen.
Und tatsächlich: So wird in der Bibel einmal das
Reich Gottes beschrieben. Dem Seher Johannes war ein Engel erschienen,
der schwört: Es soll hinfort keine Zeit mehr sein. Daran wird man Gottes
neue Welt erkennen: Die Zeit, die uns hier alle bestimmt und nach der
sich unser Leben richtet, die Zeit der Uhren und Kalender, diese Zeit
zerbricht. Aber: Ich kann mir das gar nicht vorstellen. Aber gerade weil
mich der Takt der Uhr so oft beherrscht, darum sehne ich mich danach,
frei zu sein von dieser Zeit.
Und manchmal lässt sich ja auch ein bisschen davon
erleben. Da scheint die Zeit wie aufgehoben, da verschwimmen alle
Zeitvorstellungen und die Uhr ist ganz vergessen. Es sind das die ganz
besonderen Augenblicke, in denen es keine Vergangenheit und keine
Zukunft mehr gibt, nur einfach: Gegenwart. Solche Erfahrungen sind wie
ein Vorgeschmack auf den Himmel, auf die Welt, in der es keine Zeit mehr
gibt. Es sind die Momente, die mein Leben wirklich bereichern und die in
mir die Sehnsucht wecken nach Gottes Reich.
Matthias Wöhrmann
Wenn die Worte weggeschafft sind
Endlich. Endlich kann er wegräumen, was sich
angesammelt hatte in einem langen Jahr. Endlich darf er wieder seine
Karre aus dem Keller holen und alles das wegschaffen, was er so geredet
hatte ein ganzes Jahr lang. Zwischen den Jahren ist die Zeit des
Entrümpelns, auch des Entrümpelns der so vielen Worte, der langen Sätze,
des nur so dahin Geredeten, der gedankenlosen Plappereien. Endlich.
Vergib mir, Herr, meine so vielen Worte.
Wo ist die Stille nur hin? Wohin hat sich das
Schweigen zurückgezogen? Sie ist klein geworden, die Stille; und das
Schweigen nistet oft an einem unbekannten Ort. Beide sind aber nicht
weg, sie sind nur zugestellt, umstellt, ja umzingelt worden mit lauter
Worten. Worten von uns selber und Worten, die wir auf uns haben
einprasseln lassen zu Hause, an der Arbeit, im Freizeitpark, auf
Bahnhöfen, im Krankenhaus, in Altenheimen. Also immer. Und überall.
Meistens ohne uns zu wehren. Wir bringen unsere Jahre zu wie ein
Geschwätz, sagte einer erschrocken, als er eines Tages vor Gott stand
(Psalm 90, 9b). Im Angesicht Gottes könnte er erkannt haben, wie nichtig
so vieles Gerede ist. Was bliebe wohl von unseren vielen Worten des
vergangenen Jahres, wenn man sie auf eine Goldwaage legte? Oder gar,
wenn es sie gibt, auf die Waage Gottes? Vergib mir, Herr, meine so
vielen Worte.
Die über den Glauben schreiben
Friedrich Dürrenmatt
* 5.
Januar
1921
+ 14. Dezember 1990
Furchtlos hoffen
Der Schweizer Pfarrerssohn war nicht gläubig, aber
von der Hoffnung wollte er nicht lassen. Darum spielen in vielen seiner
Theaterstücke und Romane Glaubensfragen eine zentrale Rolle, so in „Die
Physiker“: Darf der Mensch, was er kann? „Der Besuch der alten Dame“:
Gibt es Gerechtigkeit im Leben? „Das Versprechen“: Darf ich von einem
Versprechen lassen? In den vergangenen Jahren ist es etwas stiller
geworden um den Dramatiker, der sich zeitweise ein wenig im Schatten von
Max Frisch empfand und der, anders als Frisch, seine Bücher auch gerne
illustrierte. Seine Kriminalromane – wie eben „Das Versprechen“ –
erreichen aber auch in aller Stille weiter Millionenauflagen,
wahrscheinlich, weil sie mehr sind als Kriminalromane. Sie stellen die
Grundfragen des Lebens: Was hoffe ich, wenn es angeblich nichts mehr zu
hoffen gibt nach diesem 20. Jahrhundert, in dem die Welt im Blut
versank?
Und manchmal schleicht sich
dann doch in all die Dunkelheit eine zarte Antwort, die den Leser
verblüfft und aufhorchen lässt. Bei der Verleihung der
Buber-Rosenzweig-Medaille sagt Dürrenmatt 1977 in seiner Dankesrede
diesen höchst bemerkenswerten Satz: „Sich in der Welt nicht zu fürchten,
ist vielleicht
die Botschaft,
die uns nicht die Vernunft, sondern nur jene verheißungsvolle Fähigkeit
geben kann, die wir – etwas verlegen – Glauben nennen.“ Was für ein
großartiger Satz, der den Glauben so leise und so deutlich in den
Mittelpunkt des Lebens rückt. Und wenn ein Skeptiker das sagt, wie viel
Gewicht hat das dann.
So viel Gewicht wie Dürrenmatts Antwort in dem Roman
„Das Versprechen“. Wer christlich zu glauben aufgegeben hat, so könnte
man den Roman auch deuten, darf dennoch nicht leben, wie es ihm gefällt.
Eine gewisse Haltung, eine Verlässlichkeit ist nötig, damit die Welt
nicht aus den Fugen gerät. Selbst um den Preis der Selbstaufgabe hält
der Kommissar an seinem Versprechen an die Mutter des ermordeten Kindes
fest.
Ohne solches Vertrauen, ohne das Aneinander
festhalten können, würde die Welt zerspringen.
Michael Becker
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